Birgit Funk erzählt

Rieke von der Karinheide, genannt Rieke

aufgenommen um 1962


Rieke mit Frauchen


Teckel – Auf den Hund gekommen

Birgit Funk

So begleiten einen die Teckel durchs Leben, zu jeder Zeit, an jedem Ort…..

Unser erster Teckel hieß Rieke von der Karinheide, der Vater war Bübel von Oranien. Eine Langhaaarzwerghündin. Das Portraitfoto von ihr ist um die Zeit von 1962 aufgenommen, und das andere Foto zeigt sie mit ihrem Frauchen unter dem Titel „Die beiden Spiel-Kameraden“.

Sie stammte aus einem Zwinger, deren Frauchen und Herrchen im Krieg flüchten mußten. Natürlich waren die Teckel mit dabei, und als die Familie in oder in der Nähe von Stuttgart eine neue Heimat gefunden hatten, ging auch hier das Leben weiter, und neue kleine Teckel wurden geboren.

Und auf der Großen Internationalen Hundesausstellung in Stuttgart, im Jahr 1957, sah ich kleine Teckel mit großen Augen an, denn eine sollte vielleicht unser Hund werden. Mama und Papa Teckel saßen im Käfig, deren es dort ganz viel gab, und vor ihnen sitzend schauten zwei kleine Dackel ebenso neugierig auf die Menschen durch die Gitter wie diese auf die Tiere. Mein Vater, der mit mir diese Ausstellung besuchte, ließ sich die Adresse der Züchter geben. Und daheim versuchten wir, meine Mutter davon zu überzeugen, dass unbedingt eine Kleine zu uns in die Familie kommen sollte. Meine Mutter sah voraus, dass sie die meiste Arbeit leisten würde, wie dies wohl auch geschah, und war deshalb nicht rundum begeistert. Aber wir fuhren dann alle zu den Züchtern, wo ich schon dachte, es würde nichts aus dem Wunsch nach einem neuen Kameraden, denn: Die jüngere Hündin war schon verkauft worden, und eine „alte Junge“ wollte mein Vater nicht haben! Diese Hündin war nämlich schon ein halbes Jahr alt … Aber die Züchterin konnte uns klarmachen, dass dieses „Alter“ auch seine Vorzüge hat, nämlich wären dann einige Unarten schon nicht mehr so vordringlich. Das war ein Argument! Das sich aber dann doch nicht so einfach bewahrheitete.

Man sieht, wir verstanden von Hunden gar nichts, und von Dackeln sowieso auch nicht. Der Dackel war damals ein Modehund, die meisten kleineren Hunde waren damals Dackel oder Pinscher. Wie größere eben Schäferhunde oder Boxer waren. Meistenteils jedenfalls.

Ich als neunjähriges Mädchen zog ihr Puppenkleider an, fuhr sie im Puppenwagen herum. Sie trug es mit Fassung. Ebenso das Spiel, wobei sie über so und so viele gespannte Schnüre im ellenlangen Flur springen mußte. Nicht gerade rückenschonend ….

Wenn ich mit meinen Freundinnen spazieren ging, war sie immer dabei, meist ohne Leine, was ich jetzt bei keinem Hund mehr so einfach wagen würde. Einmal ging das auch fast schief, denn es knallte im Wald, und sie sauste in voller Panik weg. Wir hatten den Fehler gemacht, sie zu Anfang einmal zu einem Feuerwerk bei einem Rummelplatz mitzunehmen. Das war schlimm falsch, und nicht so vergnüglich für sie, wie wir erhofft hatten.

Im Urlaub war sie natürlich an unserer Seite – besonders gerne fuhr sie mit uns ans Meer, baute ihre eigene Burg – damals baute man noch Burgen gegen den scharfen Seewind, – um sich dann, nach getaner Arbeit, wenn wir alle mit Sand beworfen waren und protestierten, raumgreifend in den Windschatten unserer Burgmauer zu begeben. Der Strandkorb war ihr auch bald vertraut – vor allem dadurch, dass wir Nahrungsreste unter dem Sitz verstauten, und sie dann, zu unserem Schrecken, laut kauend und Hühnerknochen (!) knackend unter dem Sitz fanden.

Sie war immer mit dabei, auch, wenn wir mit dem Zug Verwandte besuchten. Damals noch mit mehreren Koffer, dem Hundekorb und dem Hund ausgestattet. Sodass wir sie einmal, erschöpft im Abteil gelandet, nicht mehr finden konnten. Sollte sie in diesem Chaos verloren gegangen sein? Und wir suchten den ganzen Waggon voll Schrecken ab. schauen unter die Sitze, egal, ob dort Fahrgäste ihre Beine in die Luft strecken mußten oder nicht. Verzweifelt wollten wir gerade aufgeben, als ich zwei Hundeaugen ganz hinten unter meinem Sitz sah. Voll Schrecken über unser Panikgehabe hatte sie sich ganz nach hinten unter die Bank verkrochen. Außerdem wackelte und pfiff der Boden nun, das ging gar nicht.

Jetzt ging es aber zum der ersten gemeinsamen Urlaub bei meiner Großtante und dem Großonkel. Heißgeliebte Verwandte; nur hassten sie Hunde! Sobald sie in einem Restaurant oder Hotel einen Hund sahen, verließen sie empört das Lokal. Man kann sich die Bedenken meiner Mutter vorstellen, als wir von ihnen vom Bahnhof abgeholt wurden. Aber meine Tante beugte sich nur hinunter, streichelte Rieke und sagte – „Da ist ja das gute Tier!“

Alsbald hatte Rieke alle annehmbaren Sitzgelegenheiten in der Wohnung von Großonkel und Großtante bezogen. Sogar vor dem Lieblingssessel von Großtante am Kohleherd machte sie nicht halt. Jedoch mochte diese sie nicht vertreiben, sagte im Gegenteil, „Ach lass doch die Rieke“, und suchte sich einen anderen Platz. Nachher schoben sich Großtante und Großonkel gegenseitig den Schwarzen Peter zu, wer mit dem Hundehass angefangen habe. Sie waren Bauernkinder gewesen, und so war es wohl die Vorstellung von Unhygiene, das einem Tier anhaften konnte, wenn es in die Wohnung durfte.

Ganz zu Anfang, bei einem der ersten Spaziergänge über die Felder zu einem alteingesessenen Landgasthof, bereits am Tisch sitzend, vermissten wir die Rieke. Anscheinend hatten wir sie mal wieder ohne Leine dabei gehabt. Völliges Durcheinander brach aus – bis jemand, grinsend, der Koch vielleicht-, die Küchentür aufmachte und unsere Rieke herauswackelte. Das war peinlich! Zudem sie sich offensichtlich unterwegs ein Hundeparfüm zugelegt hatte.

Unvergessen sind die langen Spaziergänge mit dem Onkel (Tante machte das gute Essen), wenn wir durch die Felder streiften bis um nächsten Dorf, wo eine Einkehr winkte. Natürlich war Rieke mit dabei, und unterhielt uns mit dem Spiel: Mensch wirft Stein, Hund rast bellend hinterher, Hund bringt Stein zurück und wirft ihn vor die Füße von Mensch und fordert unter rasendem Gebell, diesen wieder weit nach vorne zu werfen. Und so fort. Hund wurde nicht müde, wir des Werfens schon. Aber was tut man nicht! Bei ihrer Liebe zu Steinen hatte sie eine besondere Fähigkeit entwickelt – sie tauchte so gerne.

Sowieso ganz besessen vom Bellen, bis wir ein Steinchen warfen, fingen wir an, diese auch mal in einen Fluß zu werfen, und siehe, sie tauchte, bis nur noch ein Schwanzstummel zu sehen war, suchte herum und kam dann immer mit dem richtigen Stein wieder an die Oberfläche. Ich hatte mich einmal ebenfalls unter die Oberfläche des Flusses begeben, um ihr zuzuschauen. Und war ganz beeindruckt, wie sie jeden falschen Stein liegen ließ, bis sie den fand, der hineingeworfen worden war, und wenn es auch längere Zeit dauerte. Sie hielt eben einfach die Luft länger an.

Sie war auch sonst recht wachsam und lautstark – saß immer auf der Fensterbank und schaute durch die Hecke in den Stadtpark. Und wehe, es rührte sich etwas! Sie bekam dann fast einen Veitstanz und tobte. Anschleichen konnte sich niemand.

Rieke wurde nur 9 Jahre alt. Aus Unkenntnis reagierten wir auf ihren Husten nicht recht, dachten eben, das wäre ein normaler Husten, der sich schon wieder geben würde. Für uns war damals ein Hund ein Naturwesen, mit entsprechender Gesundheit ausgestattet. Heute würden wir wissen, dass dieses Husten mit einem Herzleiden zusammen hängen kann. Nachdem sie den Tag über ermattet in ihrem Hundekorb gelegen hatte, starb sie plötzlich am Abend, hatte noch meinen Vater begrüßt, als dieser von der Arbeit kam. Ich war an diesem Tag bereits abgereist zu meinem Studienort. Wir waren alles so geschockt und überrascht vom Tod unserer Rieke! Die wir alle so liebten, nachdem alle anfänglichen Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zwischen Mensch und Tier (ihrer Ansicht nach allerdings nur fast alle) ausgeräumt waren.

Niemand hielt es aus, ohne Dackel weiterzuleben, und so kam bald eine neues, ziemlich schüchternes Langhaar-Zwergteckelmädchen namens Yucca zu uns.

Ihre Nachfolgerinnen waren Lara, Sinda und Antje. Und nun ist Quina bei uns, die ihre Spielkameraden auf dem Teckelplatz so vermißt! Und dabei wird sie ja auch nicht jünger …..

Immer mußten es kleine Langhaarhündinnen sein – so hatten wir das Gefühl bzw. konnten uns Dank dieser Geschöpfe der märchenhaften Illusion hingeben, dass die Zeit irgendwie stille steht…..